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Moralisches Urteilen


Das Interview zur Erhebung der Stufe des moralischen Urteilens
(„Moral judgment Interview“): Dilemma-Texte und Standardfragen

Form A  Dilemma III: Heinz

In einem fernen Land lag eine Frau, die an einer besonderen Krebsart erkrankt war, im Sterben. Es gab eine Medizin, von der die Ärzte glaubten, sie könne die Frau retten. Es handelte sich um eine besondere Form von Radium, die ein Apotheker in der gleichen Stadt erst kürzlich entdeckt hatte. Die Herstellung war teuer, doch der Apotheker verlangte zehnmal mehr dafür, als ihn die Produktion gekostet hatte. Er hatte 200 Dollar für das Radium bezahlt und verlangte 2000 Dollar für eine kleine Dosis des Medikaments.
Heinz, der Ehemann der kranken Frau, suchte alle seine Bekannten auf, um sich das Geld auszuleihen, und er bemühte sich auch um eine Unterstützung durch die Behörden. Doch er bekam nur 1000 Dollar zusammen, also die Hälfte des verlangten Preises. Er erzählte dem Apotheker, dass seine Frau im Sterben liege, und bat, ihm die Medizin billiger zu verkaufen bzw. ihn den Rest später bezahlen zu lassen. Doch der Apotheker sagte: »Nein, ich habe das Mittel entdeckt, und ich will damit viel Geld verdienen.« – Heinz hatte nun alle legalen Möglichkeiten erschöpft; er war ganz verzweifelt und überlegte, ob er in die Apotheke einbrechen und das Medikament für seine Frau stehlen sollte.

1. Sollte Heinz das Medikament stehlen?
1a. Warum oder warum nicht?
2. (Wenn die Vp den Diebstahl befürwortet hat:) Wenn Heinz seine Frau nicht liebt, sollte er dann das Medikament für sie stehlen? Bzw. (wenn die Vp sich gegen den Diebstahl ausgesprochen hat): Bedeutet es einen Unterschied, ob Heinz seine Frau liebt oder nicht?
2a. Warum oder warum nicht?
3. Angenommen, der Mensch, der im Sterben liegt, ist nicht seine Frau, sondern ein Fremder. Sollte Heinz das Medikament für einen Fremden stehlen?
3a. Warum oder warum nicht?
4. (Wenn die Vp sich dafür ausspricht, das Medikament auch für einen Fremden zu stehlen:) Angenommen, es handelt sich um ein Haustier, das Heinz liebt. Sollte er das Medikament stehlen, um das Haustier zu retten?
4a. Warum oder warum nicht?
5. Ist es wichtig, dass Menschen alles versuchen, was sie können, um das Leben eines anderen zu retten?
5a. Warum oder warum nicht?
6. Es ist gegen das Gesetz, wenn Heinz einbricht. Ist diese Handlungsweise deshalb moralisch falsch?
6a. Warum oder warum nicht?
7. Sollten Menschen im Allgemeinen alles versuchen, um dem Gesetz Folge zu leisten?
7a. Warum oder warum nicht?
7b. Wie lässt sich das (die vorherige Antwort) auf das beziehen, was Heinz tun sollte?
8. Wenn Sie noch einmal an das Dilemma (den Ausgangskonflikt) zurückdenken: Was wäre das Verantwortungsvollste, was Heinz tun könnte?
8a. Warum?
 
Dilemma III, Fortsetzung: Wachtmeister Braun

Heinz brach in die Apotheke ein. Er stahl das Medikament und gab es seiner Frau. Am folgenden Tag stand ein Bericht über den Raub in der Zeitung. Herr Braun, ein Polizeibeamter, der Heinz kannte, las den Bericht. Er erinnerte sich, dass er Heinz von der Apotheke hatte fortlaufen sehen, und ihm wurde klar, dass es Heinz gewesen war, der das Medikament gestohlen hatte. Wachtmeister Braun überlegte, ob er melden sollte, dass Heinz der Räuber war.

1. Sollte Wachtmeister Braun Heinz wegen des Diebstahls anzeigen?
1a. Warum bzw. warum nicht?
2. Einmal unterstellt, dass der Polizist eng mit Heinz befreundet ist, sollte er ihn dann anzeigen?
2a. Warum bzw. warum nicht?


Dilemma III, Fortsetzung: Gerichtsverhandlung

(Heinz brach in die Apotheke ein. Er stahl das Medikament und gab es seiner Frau.) Heinz wurde (von Wachtmeister Braun) angezeigt, er wurde verhaftet und vor ein Gericht gestellt. Die Geschworenen kommen zum Schluss, dass Heinz im strafrechtlichen Sinne schuldig ist. – Es ist jetzt Aufgabe des Richters, ein Urteil zu fällen und über eine Strafe zu befinden.

3. Sollte der Richter Heinz zu einer Haftstrafe verurteilen oder sollte er diese Strafe auf Bewährung aussetzen und ihn auf freien Fuss setzen?
3a. Warum ist dies das Beste?
4. Wenn Sie aus der Perspektive der Gesellschaft denken: Sollten Menschen, die gegen das Gesetz verstossen, bestraft werden?
4a. Warum bzw. warum nicht?
4b. Was folgt daraus für die Frage, wie der Richter entscheiden sollte?
5. Als Heinz das Medikament stahl, tat er, was sein Gewissen ihm befahl. Sollte ein Gesetzesbrecher verurteilt werden, wenn er aus Gewissensgründen handelt?
5a. Warum bzw. warum nicht?
6. Wenn Sie noch einmal an das Dilemma (den Ausgangskonflikt) zurückdenken: Was wäre das Verantwortungsvollste, was der Richter tun könnte?
6a. Warum?
(Die im Manual folgenden Fragen 7–12 sind optional; sie dienen der Erhebung der ethischen Theorie der Befragten und werden nicht nach der Moralstufe ausgewertet.)

(Aus: KOHLBERG, L., 1996 Die Psychologie der Moralentwicklung, p.495–498. Frankfurt: Suhrkamp.)

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